schwarz-weisse Zeit,experimentell bearbeitet

                                                                       für Chargesheimer,(C) B.G.

Chargesheimer, der innere Rebell

Chargesheimer, eigentlich Karl Heinz Hargesheimer, wurde am 19.Mai 1924 in Köln geboren.
Nach einem kurzem Studium 1942 der Fotografie und Grafik in Köln startete er zunächst unkonventionell- ohne Fotoapparat und erstellte Lichtgrafiken. Arbeitete also Fotochemisch; experimentierte.

Er galt als Querdenker, unangepasst, nicht nur in seinen Werken, sondern auch als Mensch.

Chargesheimer fotografierte das Leben nach dem Krieg, Menschen, Häuser- zerbombt, Kinder, Städte, wie Berlin und Hannover und vor allem seine Stadt Köln aus allen Winkeln und durch Jahre hindurch, verfolgend auch die Entwicklung seiner Stadt, die er innig liebte. Auch das Theater, die Musik und die Oper hatten ihn gefesselt.Querdenker, was heisst das nun eigentlich? Chargesheimer passte sich in seiner Kunst, seinen Ideen nicht an, genausowenig, wie dem bürgerlichen Leben, welches er verabscheute. Manche Personen auf seinen Fotos sind verschwommen. Die Indentität wie mit einem Schwamm weggewischt. Diese Person ist da und doch nicht.Was bezweckte er damit? Wollte er zeigen, wie klein und unbedeutend ein jeder ist oder zeigte sich hier sein innerer Zwist? Oder war es doch nur ein Experiment?    

Auf einem seiner Bilder („Blick zum Kölner Dom“) steht im Hintergrund vernebelt der Kölner Dom und im Vordergrund, von der Größe des Doms niedergeschlagen, kleine, einfache Wohnhäuser und ein Baum, der beinah schon wie ein Todesbaum wirkt. Zeuge der Vergangenheit... Dunkel, schwarz...Dieses Foto ist beinah unheimlich. Die Häuser scheinen aus dem Boden zu wachsen- wie Grabsteine. Dahinter der Dom als Übergrosses- fast hat das Bild einen Wahnsinn. Grabsteine vor dem „Göttlichen“. Tod vor dem „ Friedlichen“...
Wie der Wahnsinn eines Krieges. Auf einem anderen Bild ist die Spitze des Domes zu sehen und davor eine Taube- ausgebreitet ihre Schwingen...

Chargesheimer hatte den Krieg miterlebt. Nie jedoch konnte geklärt werden, wie er jene Jahre verbracht hatte und wo er sich damals aufhielt.War diese Tatsache, das Grauen miterlebt zu haben, vielleicht der Anstoss für seinen Stil in der Fotografie? Fotografierte er deswegen in schwarz-weiss? Oder war es vielleicht doch nur der Kunstwille, das Ausdrücken von jeglichen Ablenkungen des Auges? Schwarz-weiss Bilder vermitteln immer auch eine gewisse Melancholie, thematisieren den Verlust um etwas, nehmen der wirklichen „Welt“ einen Teil des Sehens. Ja, diese Art der Darstellung spezialisiert. Oft beziehen sich seine Objekte auch auf seine innere Einsamkeit.
Emotionen werden freigesetzt.Wehmut vielleicht oder wie in vielen Fällen der Chargesheimer Fotos, eine gewisse Art von Nacktheit- blossgestellt das Leben und deren sich zu verstellen gesuchte Gesichter. Menschen in vielen Lebenslagen- in Kneipen etwa oder auf Bäume kletternd,tanzend und vor Geschäften stehend. 
Da genügt ein Blick zum Fenster,das einen leeren Wasserbottich, eine kleine Zinkbadewanne, in den Rahmen des Fensters gequetscht, um Einblicke zu verwehren,zeigt. Um den Versuch ringend ein Stück Normalität, trotz Armut, ohne Scheiben und Gardinen, für andere, von draussen Sehende, zu beweisen.(„Hinterhof in Köln“)
Fotografieren...festhalten, was nunmehr vergänglich ist. Die Zeit wird auf ein kleines Stück Bild gedrückt.Photonenwirklichkeit...Das Chaos der verlorenen Jahre des II.Weltkrieges müssen verarbeitet werden. Das Chaos um ihn und das Chaos in ihm. 

Alltägliches wurde zu seinen Hauptmotiven. Ruinen, die Mauern durchtrennt von Bomben mit herausragenden Metallseilen und dann wieder ein küssendes Pärchen. So, als ob die Liebe es vermag den Tod zu verdrängen. Vielleicht sah er sich selbst immer wieder zwischen Einsamkeit und der Suche nach einem Miteinander.
Ein anderes Mal eine Hand, die ein Stück Brot hält- angebissen.So, als wolle er damit auf die vergangenen schwere Jahre Deutschlands hinweisen. So, als wolle er mahnen, an Hungerjahre erinnern und zum Hinschauen zwingen. Dann wieder ein Radfahrer, der ganz allein durch die anbrechende Nacht fährt.

Querdenker lösen leicht Skandale aus, denn sie weichen von Normen ab, treten heraus aus ausgetreten Schuhen, die zu eng geschnürt scheinen.Sie probieren Neues und sind widerspenstig.
Einen Skandal löste er mit seiner Fotografie von Konrad Adenauer aus. Schwarz-weiss dargestellt, erschien es im September 1957 als Titel des SPIEGEL. Dieses Foto hatte etwas Verschleierndes, man könnte auch sagen Chargesheimer legte über Adenauers Gesicht eine Maske. Kühl, ernst und unnahbar, von Dunklem überzogen, blickt Adenauer drein. Doch war es wirklich eine Maske? Oder hatte Chargesheimer versucht das Wesen Adenauers herauszuarbeiten?

Es hagelte Beschwerdebriefe.Aber Chargesheimer hatte es nicht speziell auf Adenauer „abgesehen“,sondern fotografierte auch andere Menschen in diesem Stil. Beziehungsweise er bearbeitete die Fotos nach. Es gibt dafür viele, viele Beispiele. Er verlieh den Gesichtern etwas Zeitloses. Regungslos, ja, starr, so als wären sie da, aber nicht wirklich. Sie scheinen wie aus einer anderen Welt herüber zu blicken. Auch Romy Schneider und Maria Challas stellte er so dar.

Vielseitig war er. Er bastelte seine „Meditationsmühlen“ und erstellte „Lichtmaschinen“.
Die „Meditationsmühlen“ zogen ihn ab 1967 in seinen Bann. In seinen letzten Lebensjahren entstanden nahezu 30 Skulpturen. Fünf davon besitzt das Museum Ludwig.

Chargesheimer starb im Dezember 1971. Es ist bis heute ungeklärt, ob er tatsächlich Suizid begang.

B.G.,2008

wichtige Website:

Museum Ludwig

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