Die Metamorphose der Nachtbilder  

Rainer Maria Rilke wurde am 4. Dezember 1875 geboren. 1894 veröffentlichte er sein erstes Buch „ Leben und Lieder“. 1901 heiratet er Clara Westhoff und am 12. Dezember wird seine Tochter Ruth geboren. 1902 siedelt er nach Paris über und beginnt sich mit Rodin zu befassen. Dann verschiedene Reisen nach u.a. Italien, Capri, Belgien, Deutschland und Österreich. 1922 vollendet Rilke die „Duineser Elegien“

und die „ Sonette an Orpheus“. Er starb im Dezember 1926 an Leukämie.

Felix Braun schrieb über ihn: „ Rainer Maria Rilke ist der einzige Dichter gewesen, der nicht nur Dichter war, wenn er Verse schuf. Ihm waren die Engel nicht ein Schmuck oder Anruf des Gedichts; ihm blieben die Geister nicht verhüllt;er hatte teil an zwei Reichen; und wenn dem oder jenem, der ihn einen Augenblick tiefer ansah,grundlos und töricht,Tränen kamen,so geschah das vielleicht nicht über ihn,der nur ein Bote war (...)“


Die grosse Nacht

Oft anstaunt ich dich,stand an gestern begonnenem Fenster,

stand und staunte dich an. Noch war mir die neue Stadt wie verwehrt, und die unüberredete Landschaft finsterte hin, als wäre ich nicht. Nicht gaben die nächsten Dinge sich Müh,mir verständlich zu sein. An der Laterne drängte sich die Gasse herauf: ich sah, dass sie fremd war. Drüben- ein Zimmer,mitfühlbar,geklärt in der Lampe-,schon nahm ich teil;sie empfandens,schlossen die Läden. Stand.Und dann weinte ein Kind.Ich wusste die Mütter
rings in den Häusern,was sie vermögen-, und wusste alles Weinens zugleich die untröstlichen Gründe. Oder es sang eine Stimme und reichte ein Stück weit aus der Erwartung heraus, oder hustete unten voller Vorwurf ein Alter, als ob sein Körper im Recht sei wider die mildere Welt. Dann schlug eine Stunde-,aber ich zählte zu spät,sie fiel mir vorüber.-
Wie ein Knabe,ein fremder,wenn man endlich ihn doch den Ball nicht fängt und keines der Spiele ( zulässt,kann,die die andern so leicht an einander betreiben, dasteht und wegschaut,-wohin-?:stand ich

und plötzlich

dass du umgehst mit mir,spielest,begriff ich,erwachsene Nacht, und staunte dich an.Wo Türme zürnten,wo abgewendeten Schicksals eine Stadt mich umstand und nicht zu erratende Berge wider mich lagen, und im genäherten Umkreis hundernde Fremdheit umzog das zufällige Flackern meiner Gefühle-: da war es, du Hohe,
keine Schande für dich, dass du mich kanntest. Dein Atem
ging über mich.Dein auf weite Ernste verteiltes Lächeln trat in mich ein.


Rainer Maria Rilke
Aus den Gedichten an die Nacht




Engellieder

Ich liess meinen Engel lange nicht los,
und er verarmte mir in den Armen
und wurde klein,und ich wurde gross:
und auf einmal war ich das Erbarmen,
und er eine zitternde Bitte bloss.

Da hab ich ihm seine Himmel gegeben,-
Und er liess mir das Nahe,daraus er entschwand;
Und lernte das Schweben, ich lernte das Leben,
und wir haben langsam einander erkannt...


Seit mich mein Engel nicht mehr bewacht,
kann er frei seine Flügel entfalten
und die Stille der Sterne durchspalten,-
denn er muss meiner einsamen Nacht
nicht mehr die ängstlichen Hände halten-
seit mich mein Engel nicht mehr bewacht.

Hat auch mein Engel keine Pflicht mehr,
seit ihn mein strenger Tag vertrieb,
oft senkt er sehnend sein Gesicht her
und hat die Himmel nicht mehr lieb.

Er möchte wieder aus armen Tagen
Über der Wälder rauschendem Ragen
Meine blassen Gebete tragen
In die Heimat der Cherubim.

Dorthin trug er mein frühes Weinen
Und Bedanken, und meine kleinen
Leiden wuchsen dorten zu Hainen,
welche flüstern über ihn...

Aus „ Mir zur Feier“


Mir ist, als ob ich alles Licht verlöre.
Der Abend naht und heimlich wird das Haus;
Ich breite einsam beide Arme aus,
und keiner sagt mir, wo ich hingehöre.

Wozu hab ich am Tage alle Pracht
gesammelt in Gärten und den Gassen,
kann ich dir zeigen nicht in meiner Nacht,
wie mich der neue Reichtum grösser macht
und mir alle Kronen passen?

Buddha

Als ob er horchte. Stille: eine Ferne...
Wir halten ein und hören sie nicht mehr.
Und er ist Stern. Und andre große Sterne,
die wir nicht sehen, stehen um ihn her.

O er ist Alles. Wirklich, warten wir,
daß er uns sähe? Sollte er bedürfen?
Und wenn wir hier uns vor ihm niederwürfen,
er bliebe tief und träge wie ein Tier.

Denn das, was uns zu seinen Füßen reißt,
das kreist in ihm seit Millionen Jahren.
Er, der vergißt was wir erfahren
und der erfährt was uns verweist.

Lied vom Meer

Capri. Piccola Marina

Uraltes Wehn vom Meer,
Meerwind bei Nacht:
du kommst zu keinem her;
wenn einer wacht,
so muß er sehn, wie er
dich übersteht:
uraltes Wehn vom Meer
welches weht
nur wie für Ur-Gestein,
lauter Raum
reißend von weit herein...

O wie fühlt dich ein
treibender Feigenbaum
oben im Mondschein.

Ende des Herbstes

Ich sehe seit einer Zeit,
wie alles sich verwandelt.
Etwas steht auf und handelt
und tötet und tut Leid.

Von Mal zu Mal sind all
die Gärten nicht dieselben;
von den gilbenden zu der gelben
langsamem Verfall:
wie war der Weg mir weit.

Jetzt bin ich bei den leeren
und schaue durch alle Alleen.
Fast bis zu den fernen Meeren
kann ich den ernsten schweren
verwehrenden Himmel sehn.


Auswanderer-Schiff

Neapel

Denk daß einer heiß und glühend flüchte,
und die Sieger wären hinterher,
und auf einmal machte der
Flüchtende kurz, unerwartet, Kehr
gegen Hunderte -: so sehr
warf sich das Erglühende der Früchte
immer wieder an das blaue Meer:

als das langsame Orangen-Boot
sie vorübertrug bis an das große
graue Schiff, zu dem, von Stoß zu Stoße,
andre Boote Fische hoben, Brot, -
während es, voll Hohn, in seinem Schooße
Kohlen aufnahm, offen wie der Tod.







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