Blaublatt für Fritz von Unruh 

Fritz von Unruh wurde im Mai 1885 in Koblenz geboren.  Seine ersten Gedichte entstanden schon in der Schulzeit. Von Unruh durchlief verschiedene militärische Stationen. Kadettenschule, dann Offizier, später nahm er am ersten Weltkrieg teil und wurde schwer verwundet. Dieses Erlebnis liess ihn umdenken und er wurde zum mahnenden Kriegsgegner. Fortan sah er eine Änderung des menschlichen Elendes nur in der Änderung des Menschen selbst.

Fritz von Unruh war u.a. mit Carl von Ossietzky, Albert Einstein, Thomas Mann, Wilhelm Lehmbruck, Walter Rathenau und Horst Helfrich befreundet.

Horst Helfrich ( Federchen)  schrieb mir einst in einem Brief:  

"(...) Fritz von Unruh war neben Gerhart Hauptmann. in den 20igern einer der größten deutschen Dichter. Bevor er zum Pazifisten wurde, wuchs er mit den Kaisersöhnen auf. Während der Schlacht in Verdun schrieb er das gleichnamige Buch "Verdun", das den Krieg ablehnte und die Verherrlichung und Glorifizierung der Schlachten für Volk und Vaterland verdammte. Das hatte zur Folge, dass das Werk in Deutschland verboten wurde und nur in Frankreich auf den Markt kam. Der Kaiser, bekannt als Säbelrasseler und Kriegstreiber, verbot ihm den Umgang mit seinen Söhnen, was Fritz von Unruh jedoch nicht sonderlich berührte. Nach dem Krieg wurde er mit Schauspielen, die Max Reinhard in Berlin inszenierte, berühmt. Im Dritten Reich stellt er sich wiederum gegen das Regime und verkündete in seiner berühmten Rede im Berlin Sportpalast "Auf dem Potsdamer Platz werden einst die Schafe weiden." Goebbel ließ ihn darauf verfolgen, von Unruh emigrierte nach USA. Nach seiner Rückkehr nach dem 2. Weltkrieg sorgte er noch einmal für Fourore in seiner ebenfalls berühmten Paulskirchenrede in Frankfurt am Main. Seine Sprache, die damals als expressionistische Sensation galt, kam natürlich nicht mehr an und so geriet er leider in Vergessenheit.

Ich hatte das große Glück mit ihm befreundet zu sein. Er wohnte im Hofgut Oranien in Diez, meiner Heimatstadt. Ich wohnte in den sechziger Jahren ihm direkt gegenüber. Als er jemand zum ständigen Dikat für seine Bücher und Stücke suchte meldete ich mich bei ihm. Wir waren uns gleich sympatisch und so wurden wir Freunde. Bis zu seinem Tode ging ich in seinem Haus ein und aus. Danach wurde seine Schwester Mathilde von Unruh, eine Malerin, durch einen Unfall gehbehindert. Da sie niemand aufnehmen wollte, oder nicht konnte, haben wir sie bei uns aufgenommen. Sie starb bei uns im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte im 99. Lebensjahr. Es war eine wundervolle Zeit mit ihr. Meine Kinder waren damals noch klein und sie war zu ihnen wie eine liebe Märchentante, die sie auch in ihren Bildern festhielt. Als sie tot in ihrem Zimmer bei uns lag, kam mir eine Idee, die ich bis heute nicht bereut habe. Ich zündete am Totenbett eine Kerze an, stellte Stühle bereit und holte meine Kinder in das Zimmer. Ich setzte mich mit ihnen an das Bett und begann mit der toten Mathilde ein Gespräch. Ich stelle ihr Fragen, die ich auch selbst beantwortete. Die Kinder saßen andächtig dabei und ich konnte ihnen so vermitteln, dass der Tod nichts schreckliches ist, sondern beruhigend und erlösend sein kann. Sie haben dieses Spätnachmittag nicht vergessen. Und Mathilde, die im Geiste noch heute mit mir redet, bedankt sich noch immer für meine außergewöhnliche Geste. Siehst du, meine liebe Birgit, ich hätte dir noch soviel zu erzählen. Aber ich versuche das nach und nach zu tun.

Ich schicke dir nachher Fotos von Fritz v. Unruh und Mathilde v. Unruh und auch eine Miniaturzeichnung (für die Illustration eines Märchenbuches) von Mathilde zu dir. Die Zeichnungen habe ich im Original - sie hat sie mir geschenkt - und du bist wiederum die Erste und auch Einzige die ein Bild von ihr erhält. Ich hoffe, dass ich dadurch etwas an meinen Erinnerungen teilnehme lasse. Schließlich gehörst du ja inzwischen dazu. Da ich großes Vertrauen zu dir habe, will ich dir vieles geben, denn bei dir ist das wie mit einem Saatkorn, wird es erst bei dir gesät, geht die Saat auf.

Bis nachher, meine liebe Birgit

Tausend liebe Grüße
Horst "

Im Nov. 1970 starb Fritz von Unruh in Diez an der Lahn.

Horst Helfrich führe ich hier ihn zu Ehren auf, denn er kannt von Unruh sehr gut. Viele

Abende sass er mit ihm am Kamin in Unruhs Haus. Unruh zeigte ihm auch Briefe, die er mit Einstein gewechselt hatte. Horst schenkte mir sein letztes Exemplar von Fritz von Unruhs "Politeia".

Als es herauskam lebte der Autor schon in der Emigration.  Dieses Buch, welches von Ernst Adolf 1932 zusammengestellt wurde, "durchlebte" sozusagen sein eigenes Schicksal. Es wurde nämlich nach dem einzigen Exemplar erstellt, welches aus der Flutkatastrophe des Atlantik gerettet wurde.

Horst war so unendlich stolz auf diese Freundschaft und so manches Mal waren diese Begegnungen Bestandteil unseres Austausches.

Hingewiesen sei auch auf " Mächtig seid ihr nicht in Waffen". In diesem Buch sind Unruhs wichtigste Reden - mit einem Vorwort Einsteins zu Unruhs Werk.